Von Helga Karl
Die Eskalation des Konflikts um die Ukraine ist Folge jahrzehntelanger strategischer westlicher Provokationen von Russland, insbesondere durch die NATO-Osterweiterung und die systematische Missachtung russischer Sicherheitsinteressen.
Europa und die USA waren getrieben von eigenem Expansionswillen und ideologischer Feindschaft gegen Russland. - Zu diesem Ergebnis kommt bei seiner Analyse Prof. Jeffry Sachs, weltweit
bekannter US-Ökonom, langjähriger Berater der UN und osteuropäischer Länder, auch von Gorbatschow und Jelzin. Sachs stützt seine Analyse auf historische Forschungen, freigegebene
Regierungsdokumente und strategische Grundlagentexte westlicher Eliten.
Die Verbrechen der Perestrojka, als ethischer Begriff, für die Sachs als enger Berater von Gorbatschow
mit-verantwortlich war, hat er bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Sachs hat keine Verantwortung dafür übernommen.
Westliche Aggressionen gegen Russland - über Jahrhunderte
In einem bemerkenswerten Vortrag bzw. Diskussion vom November 2023 (veröffentlicht auf YouTube unter dem Titel „Jeffrey Sachs on Russia, Europe and the Roots of Russophobia“) legt der
US-amerikanische Ökonom und langjährige UN-Berater Jeffrey Sachs eine historisch fundierte Kritik an der westlichen – insbesondere amerikanischen und europäischen – Außenpolitik gegenüber
Russland vor. Seine zentrale These: Die heutige Eskalation des Konflikts um die Ukraine ist Folge jahrzehntelanger strategischer Provokationen Russlands durch
den Westen, insbesondere durch die NATO-Osterweiterung und die systematische Missachtung russischer Sicherheitsinteressen, also keine "anlasslose"
russische Aggression, wie es der politische und mediale Mainstream jahrelang fast pausenlos als Narrativ wiederholt hat.
Sachs betont, dass Europa und die USA wiederholt gegen Russland agiert hätten, getrieben von westlichem Expansionswillen und ideologischer Feindschaft. -
In Deutschland ist inzwischen der Korridor "erlaubter" Meinungen so verengt, dass eine offene ernsthafte Diskussion dazu schwieriger wird, eine Gefahr für Meinungs-, Presse- und
Wissenschaftsfreiheit.
Positiv - die BERLINER ZEITUNG veröffentlichte am 13. 12. 2025 einen Essay von Jeffry Sachs mit dem Titel:
Warum Feindschaft mit Russland Europa immer ins Unglück gestürzt hat.
Vom 19. Jahrhundert bis heute - der Westen lehnt Frieden mit Russland ab, negiert russ. Sicherheitsinteressen
Sachs beginnt seine Analyse mit einem historischen Überblick: Russland war seit dem 19. Jahrhundert
immer wieder Ziel militärischer Angriffe aus dem Westen war – sei es durch Napoleon 1812, durch die Alliierten im Krimkrieg (1853–1856) oder durch die Interventionstruppen nach der
Oktoberrevolution 1918. Immer und immer wieder hat der Westen Frieden mit Russland abgelehnt, wo eine Verhandlungslösung möglich war, so die These von Jeffry Sachs, die er empirisch
belegt. Für den expansiven Westen gab es keine legitimen Sicherheitsinteressen Russlands, die der Westen zu berücksichtigen bereit war. Sachs in der Berliner Zeitung:
"Dieses Muster hat sich in radikal unterschiedlichen russischen Regimen – zaristisch, sowjetisch und postsowjetisch – fortgesetzt.
Dies deutet darauf hin, dass das Problem nicht primär in der russischen Ideologie liegt, sondern in Europas anhaltender Weigerung, Russland als legitimen und gleichberechtigten Sicherheitsakteur anzuerkennen."
Das Versagen Europas gegen den Hitler-Faschismus
Zum NS-Überfall auf die Sowjetunion sagt Sachs (Video):
„Hitler invaded the Soviet Union not
because Stalin provoked him, but because Hitler sought Lebensraum in the East — and the West had appeased him until it was too late.“
(„Hitler überfiel die Sowjetunion nicht, weil Stalin ihn provozierte, sondern weil Hitler ‚Lebensraum‘ im Osten suchte – und der
Westen ihn bis dahin besänftigt hatte.“)
Besonders deutlich wird dieses Muster des westlichen Zurückweisens der Sowjetuion in der Zwischenkriegszeit. Sachs stützt sich hier maßgeblich auf die Arbeiten von Michael Jabara Carley, der über mehr als drei Jahrzehnte hinweg westliche, sowjetische und osteuropäische Archive ausgewertet hat. Carley zeigt detailliert, dass die Sowjetunion in den 1930er Jahren wiederholt versuchte, kollektive Sicherheitssysteme gegen das nationalsozialistische Deutschland zu etablieren.
Diese Angebote – etwa trilaterale Sicherheitsarrangements mit Frankreich und Großbritannien – wurden im Westen entweder verschleppt, politisch sabotiert oder aus ideologischer Abneigung gegenüber dem Bolschewismus abgelehnt. Nach Carleys Befunden war die Politik der Beschwichtigung gegenüber Hitler nicht nur kurzsichtig, sondern bewusst antirussisch geprägt. Die Sowjetunion sei nicht als potenzieller Bündnispartner gegen den Nationalsozialismus betrachtet worden, sondern als größeres ideologisches Übel.
Die Sowjetunion hat durch den deutschen Angriff und Vernichtungskrieg 27 Millionen Tote zu beklagen – ein Opfer, das bis heute in der westlichen Erinnerungskultur oft marginalisiert werde. Auch darauf weist Sachs hin. Diese historische Erfahrung präge das russische Sicherheitsdenken tief – eine Tatsache, die der Westen ebenfalls ignoriere.
Ära Gorbatschow / Jelzin - der Westen verpasst Chancen für den Frieden
Einen besonderen Stellenwert in Sachs’ Argumentation nimmt die Phase von 1989 bis Mitte der 1990er Jahre ein. Sachs war in dieser Zeit selbst wirtschaftspolitischer Berater in Osteuropa und arbeitete direkt mit Regierungen in Polen, Russland und anderen Transformationsstaaten zusammen. Er kennt die Hoffnungen und Erwartungen der damaligen russischen Führung aus unmittelbarer Nähe.
Nach Sachs’ Darstellung strebten Michail Gorbatschow und später Boris Jelzin keine Konfrontation mit dem Westen an, sondern eine grundlegende Integration Russlands in eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Wirtschaftsordnung. Die Zustimmung Moskaus zur deutschen Wiedervereinigung sei dabei an klare politische Forderungen und Erwartungen geknüpft gewesen: keine Ausdehnung der NATO nach Osten und der Aufbau einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands.
Kern der deutschen Wiedervereinigung - keine Ausdehnung der Nato nach Osten
Als enger Berater von Michail Gorbatschow und später Boris Jelzin in den 1990er Jahren spricht Sachs aus eigener Erfahrung, wenn er beschreibt, wie der Westen das Ende des Kalten Krieges nicht als Chance zur gemeinsamen Friedensordnung nutzte, sondern als Gelegenheit zur eigenen Hegemonie. Zentral ist hier die Frage der NATO-Osterweiterung.
Sachs betont mehrfach (Video):
„The core of German reunification was a solemn promise made to Gorbachev: NATO would not expand one inch eastward.“
(„Der Kern der deutschen Wiedervereinigung war ein feierliches Versprechen an Gorbatschow: Die NATO würde keinen Zentimeter nach Osten expandieren.“)
Zusagen "keine Nato-Ausdehnung nach Osten" und Wortbruch
Der umstrittenste, aber am besten dokumentierte Teil von Sachs’ Analyse betrifft die Zusagen westlicher Politiker im Jahr 1990. Hier stützt er sich explizit auf freigegebene Dokumente des National Security Archive an der George Washington University. Diese Dokumente – Gesprächsprotokolle, Memoranden und interne Vermerke – belegen, dass Gorbatschow und andere sowjetische Entscheidungsträger mehrfach die Zusicherung erhielten, die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen.
Zwar wurden diese Zusagen nicht in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag fixiert, doch Sachs betont, dass sie im Kontext diplomatischer Praxis politisch verbindlich waren. - Dieses Versprechen, so Sachs, sei in zahlreichen Gesprächen zwischen Gorbatschow, US-Außenminister James Baker, Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident George H. W. Bush gegeben worden – und sei dann systematisch gebrochen worden.
Die spätere Ausdehnung der NATO bis an die russische Grenze sei daher aus russischer Sicht kein Missverständnis, sondern ein klarer Wortbruch. Die oft wiederholte westliche Behauptung, es habe „keine Zusagen“ gegeben, hält Sachs angesichts der Dokumentenlage für historisch nicht haltbar.
Statt einer „gemeinsamen europäischen Sicherheitsarchitektur“ habe der Westen ab 1999 begonnen, ehemalige Warschauer-Pakt-Staaten in die NATO aufzunehmen – bis hin zum aktiven Plan, die Ukraine in die Nato aufzunehmen, deren NATO-Beitritt Russland aus gutem Grund als existenzielle Bedrohung wahrnehmen musste.
Sachs fügt hinzu (Video):
„I was there. I saw how Gorbachev trusted the West. And I saw how that trust was betrayed.“
(„Ich war dabei. Ich sah, wie Gorbatschow dem Westen vertraute. Und ich sah, wie dieses Vertrauen verraten wurde.“)
Geopolitische US-Strategie und ihre Ideologie der unipolaren Welt
Zur Einordnung der US-amerikanischen Rolle verweist Sachs regelmäßig auf die Schriften von Zbigniew Brzezinski. In dessen Werk Die einzige Weltmacht wird Eurasien als zentrales Schachbrett globaler Machtpolitik beschrieben, dessen Kontrolle Voraussetzung für die Aufrechterhaltung amerikanischer Vorherrschaft sei. Osteuropa und insbesondere die Ukraine nehmen in dieser Strategie eine Schlüsselrolle ein.
Sachs argumentiert, dass die NATO-Osterweiterung nicht primär der Sicherheit Europas gedient habe, sondern einer geopolitischen Logik folgte, die Russland dauerhaft schwächen und von einem eigenständigen Machtpol in Eurasien ausschließen sollte. Diese Strategie habe kurzfristig amerikanische Interessen bedient, langfristig jedoch europäische Sicherheit untergraben.
Russophobie macht blind für Geschichte, Diplomatie und Frieden
„From Yugoslavia to Iraq, from Libya to Syria, and now Ukraine – the U.S. has pursued regime change under the guise of democracy promotion,
always escalating tensions with Russia.“
(„Von Jugoslawien über Irak und Libyen bis Syrien und nun die Ukraine – die USA verfolgen Regimewechsel unter dem Vorwand der Demokratieförderung und eskalieren damit stets die Spannungen mit Russland.“)
Jeffry Sachs über Russophobie (Video):
„Russophobia is not analysis; it’s propaganda.
It blinds us to history, to diplomacy, and to peace.“
(„Russophobie ist keine Analyse; sie ist Propaganda. Sie macht uns blind für Geschichte, Diplomatie und Frieden.“)
Fazit: Sicherheit in Europa ist nur mit, nicht gegen Russland möglich
Europa, so die These von Jeffry Sachs, habe mehrfach historische Chancen verspielt, eine stabile Sicherheitsordnung unter Einschluss Russlands zu schaffen. Stattdessen sei ein Sicherheitsdilemma erzeugt worden, in dem jede Seite die Schritte der anderen als Bedrohung interpretiert.
Die jetzige Lage sei Endpunkt einer langen Kette politischer Fehlentscheidungen, Ignoranz gegenüber historischer Erfahrung und bewusster geopolitischer Eskalation. Sachs fordert einen Bruch
mit der bisherigen Politik:
Sicherheit in Europa ist nur mit Russland, nicht gegen Russland möglich.
Perestrojka - zur Rolle von Jeffry Sachs
Die Verbrechen der Perestrojka, Verbrechen als ethischer Begriff verwendet, für die Sachs als
enger Berater von Gorbatschow und danach Jelzin sowie öffentlicher Befürworter der "Schocktherapie" mit-verantwortlich war, hat Jeffry Sachs bis heute nicht wirklich
aufgearbeitet. Sachs hat keine Verantwortung für die Folgen seines Handeln übernommen.
Helga Karl
Ein Folgebeitrag ist hier erschienen:
Verbrechen der Perestrojka - zur Rolle von Jeffry Sachs
Quellen zu: Analyse von Jeffry Sachs
Carley, Michael Jabara
(Université de Montréal, Département
d’histoire, emeritiert)
The Soviet Union and the World, 1917–1991. Mehrbändige Studien zur sowjetischen Außenpolitik und westlichen Sicherheitssystemen
Silent Conflict: A Hidden History of Early Soviet–Western Relations (2014)
Sachs, Jeffry: Russia, Europe and the
Roots of Russophobia. YouTube, November 2023.
https://www.youtube.com/watch?v=1_2L9R2x8xY
Sachs, Jeffry:
Warum
Feindschaft mit Russland Europa immer wieder ins Unglück gestürzt hat. BERLINER ZEITUNG vom 13.12.2025
National Security Archive (George Washington University)
Dokumentensammlung:
NATO Expansion: What Gorbachev Heard.
Freigegebene Gesprächsprotokolle und Memoranden zur deutschen Wiedervereinigung und NATO-Frage.
Brzezinski, Zbigniew
The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. Basic Books, 1997.
Deutsch: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft.
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