Friedenau


"Atomkraft Nein Danke", Landhaus von Günter Grass
Fenster mit Aufkleber "Atomkraft NEIN Danke", Haus von Günter Grass in Friedenau. Foto: Helga Karl

Früher konnte man in Friedenau beim Einkaufen auf dem Markt vor dem Rathaus Günter Grass begegnen,

heute - ebenfalls SchriftstellerIn und LiteraturnobelpreisträgerIn -  Herta Müller.  Das ist Alltag in Friedenau.  "Das Nobel-Viertel" überschrieb der Tagesspiegel einen Artikel, die Berliner Zeitung "Das literarische Quartier".  Das ist richtig, über einen Teil von Friedenau.

Friedenau ist ein Stadtteil mit Lebensqualität für die Bewohner und interessant für Gäste in Berlin. Und, bitte nie vergessen, Friedenau war während des Nazi-Terros Ort von Widerstand.


Friedrich-Wilhelm-Platz

Friedenau bei Nacht ? Nein, es war wenig nach 16.00 Uhr und bereits dunkel am Silvesterabend 31.12.2014.

Die Ev. Kirche Zum guten Hirten auf dem zentralen FWP Friedrich-Wilhelm-Platz wirkt erleuchtet dominanter als am Tag. Zum "Orgelfeuerwerk" an Silvester wird eingeladen. Es krachen in der Nähe bereits die ersten Böller. "Wie im Krieg", sagt zu mir ein alter Mann, ersthaft, der mich beim Fotografieren beobachtet und mich anspricht. "

Bei uns ist der Krieg vorbei",  antworte ich.

 

Friedenau - umgangssprachlich meinen viele das Gebiet - das Dreieck - zwischen den Autobahnen (siehe Karte). Hier wohnen über 40.000 Menschen.

Friedenau mit 23.641 Einwohnern (Stand: 30.6.2014)  ist ein Berliner Ortsteil im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, eine Verwaltungseinheit. Die Grenzen verlaufen entlang der Laubachstrasse. Das Gebiet westlich um den attraktiven Rüdesheimerplatz mit Grünflächen gehört zu Wilmersdorf,  ist Teil des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Östlich entlang der Fregestrasse liegen "im Autobahndreieck" die  Ceciliengärten, in Schöneberg ausserhalb des Ortsteils Friedenau. Die Ortsteile im Süden von Friedenau - Feuerbachstrasse und Markelstrasse - sind Teil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf.

Städtebaulich trennen die Autobahnen, die Friedenau zusammen mit den S-Bahnen, U-Bahnen und zentralen grossen Strassen verkehrsgünstig machen.

 

Die Übergänge zwischen den Ortsteilen von drei Bezirken innerhalb des Autobahn-Dreiecks sind im Stadtbild nicht zu erkennen. Friedenau verbindet drei grosse Berliner Bezirke Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf.

 

Bei Gesprächen mit Friedenauern, die jahrzehntelang hier leben,  nennen diese immer wieder "die sehr guten Einkaufsmöglichkeiten" als einen Vorteil ihres  Kiez. Die Hauptverkehrsstrassen sind Einkaufsstrassen. Das Center im Süden wirkt als Ergänzung.

In der Nähe

Blühende hellrosa und weiße japanische Kirschbäume in Berlin. Foto: Helga Karl
Japanische Kirschblüte im April in Schöneberg. Foto: Helga Karl
Ceciliengärten in Schöneberg: Park mit Rosen und Fontaine vor der Wohnanlage. Foto: Helga Karl
Garten- und Architektur-Denkmal Ceciliengärten. Foto: Helga Karl

 In den kleineren Strassen und Plätzen haben sich eine Fülle von unterschiedlichen kleinen Fachgeschäften, Freien Berufen und Restaurants angesiedelt, die beitragen, den Kiez lebendig zu halten.

Gleichgewichtig bei den nicht-repräsentativen Gesprächen mit Friedenauern ist deren Nennung "die Schönheit von Friedenau, die Architektur", an der man sich beim Spaziergehen täglich erfreuen kann.

 

Die Geschichte von Friedenau als kreatives Künstler-Viertel, Medienaufmerksamkeit und Friedenau als ein Ort von Widerstand in der Nazi-Zeit tragen zur hohen Identifikation der Friedenauer mit ihrem Stadtteil bzw. berliner Kiez bei.

Friedenau: viel Lebensqualität mit einzigartiger Geschichte

 

Viele Fenster der Häuser in den sternförmig vom Friedrich-Wilhelm-Platz abgehenden Strassen waren erleuchtet am Silvesterabend 2014. Das Licht in der Dunkelheit schärft den Blick für Details: ästhetisch mit Lichtern geschmückte Balkone, Ornamente durch Ziegel an den Hausfassaden, Vorgärten in den engen Strassen umrahmt von prächtigen niedrigen Eisen-Zäunen, die erahnen lassen, wie schön der Anblick  im Frühjahr werden kann.

 

 Als  "gut bürgerliches Viertel" bezeichnet man diesen Teil von Friedenau. In zahlreichen Wohnungen ohne geschlossene Vorhänge sind volle hohe Bücherregale  in den Zimmern zu sehen.


Das Nobel-Viertel Friedenau

Handwerkskunst ist beim Spaziergang in Friedenau zu besichtigen: Berühmt sind die Vorgärten der Landhäuser mit kunstvollen schmiedeeisernen Gartenzäunen und die bildschönen Haustüren bzw. Eingangsportale der Landvillen, aber auch von viergeschossigen Mietshäusern. Fotos: Helga Karl

Das andere bessere Deutschland und zerstörtes (jüdisches) Leben in Friedenau

9.November - Gedenken an die Pogromnacht
9.November - Gedenken an die Pogromnacht
Grabsteine Tucholsky, Jüdischer Friedhof Weissense. Foto: Helga Karl
Grabsteine Alex und Doris Tucholsky, Jüdischer Friedhof Weissensee

Es ist am späten Nachmittag bereits dunkel wie Nachts, als ich in der Stierstrasse - sie verbindet den Friedrich-Wilhelm-Platz mit dem Rathaus Friedenau und der Einkaufsmeile Hauptstrasse / Rheinstrasse - nach Spuren der Vergangenheit suche, etwa Gedenktafeln. In der Pogromnacht 9 November 1938 wurde der jüdische Andachtsraum in der Stierstrasse zerstört und danach viele jüdische Mitbürger Friedenaus deportiert und in den KZ Konzentrationslagern der Nazis ermordet.

In Wohnungen, Häusern in Friedenau leisteten jüdische und nichtjüdische Bewohner Widerstand, viele bezahlten es mit ihrem eigenen Leben:

Mitglieder der Roten Kapelle oder zum Beispiel die hingerichtete Erika von Brocksdorf, die die Widerstandsgruppe Hans Coppi unterstützte.

 

Am Haus in der Bundesalle 79, der breiten Nord-Süd-Achse in Friedenau vom Bundesplatz zum Einkaufs-Center an der Schloss-Strasse, ist eine Gedenktafel angebracht:

 

Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.

Hier wohnte von 1920 - 1924 Kurt Tucholsky, Schriftsteller ... Gegner des Nationalsozialismus und Militarismus. 5.1.1890 - 21.12.1935

Am Boden vor diesem Haus Bundesallee Nr 79 sind zwei Stolpersteine eingelassen:

Dr. Else Weil, verheiratete Tucholsky. Ermordet in Auschwitz

Dr. Theodor Wolff, deportiert und in Auschwitz ermordet.


Künstler-Viertel Friedenau

Berliner Geschichte, Literaturgeschichte - das ist Friedenau.

 

Die Schriftsteller Kurt Tucholsky und Erich Kästner haben in Friedenau gelebt, Edgar Hilsenrath und Günther Weisenborn, Max Frisch in der Sarrazinstrasse und Hans-Magnus Enzensberger, der in seiner Wohnung in der Fregestrasse nur selten anwesend war.

 

Der Theaterkritiker Friedrich Luft lernte als Buchhändler und lebte in Friedenau wie die Publizistin und wichtige Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung Rosa Luxemburg (von 1902-1911 in der Cranachstrasse 58), die  mit Karl Kautsky und dessen Frau befreundet war (diese wohnten in der Saarstrasse).

 

Norman Forster hatte sein Architekturbüro in der Rheinstrasse.

Der "Brücke-Maler" Karl Schmidt-Rottluff wohnte wie Uwe Johnson  in der Niedstrasse 14, neben dem Haus von Grass (der die Gedenktafeln für beide "einweihte", Grass lebt nicht mehr hier),  danach in der benachbarten Stierstrasse.

 

Auch Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels war Friedenauer, in dieser Funktion  verantwortlich für Bücherverbrennungen.

Erich Kästner, damals schon berühmter Autor von "Emil und Detektive", hat - nicht denunziert von einem Polizisten, der ihn erkannte, - bei der Verbrennung seiner Bücher in Berlin und der weiterer Schriftstellerkollegen zugesehen.

 

Marlene Dietrich bleibt mit Friedenau verbunden. Sie hat auf der Roten Insel im heutigen Bezirk Tempelhof-Schöneberg gelebt. Sie wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstrasse in Friedenau beerdigt. Die große Schauspielerin ist für immer zurück in Berlin.

 

Diese lange Aufzählung ist unvollständig. Die ungewöhnliche Anziehungskraft Friedenaus zu erklären ist in diesem Überblicks- Beitrag (allein) nicht leistbar.

 

Es gibt ein weiteres Künstler-Viertel in Berlin: im Osten Berlins in Pankow und vor allem im kreativen Szene-Kiez Prenzlauer Berg

 



Texte und Fotos: Helga Karl                                                                           KNBerlin       KNB       Kieznetzwerk Berlin


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