Globaler Dialog über KI-Governance - ein institutioneller Rahmen der UN zur Beratung über KI entsteht

 Independent International Scientific Panel on Artificial Intelligence
Independent International Scientific Panel on Artificial Intelligence

Von Helga Karl

Wer gestaltet die Regeln der Künstlichen Intelligenz? 
Wie kann angesichts extrem ungleicher Verteilung von KI-Macht die Souveränität von Ländern und Zivilisationen gesichert werden? - Erstmals gibt es einen institutionellen Rahmen innerhalb der UN Vereinten Nationen, um einen Dialog darüber  führen zu können.. 

Das erste Global Dialogue on Artificial Intelligence Governance der UN fand im Juli 2026 am Sitz der Vereinten Nationen in Genf statt. Als wissenschaftliche Unterstützung der Staaten legte das das neu geschaffene Independent International Scientific Panel on Artificial Intelligence seinen ersten Bericht über KI vor. 

Erstes Global Dialogue on AI Governance der Vereinten Nationen, Genf, 6.–7. Juli 2026. Foto: United Nations / UN Geneva.
Erstes Global Dialogue on AI Governance der Vereinten Nationen, Genf, 6.–7. Juli 2026. Foto: United Nations / UN Geneva.

Der lange Weg zur globalen KI-Governance und Souveränität

 Wer heute künstliche Intelligenz nutzt, denkt in Deutschland oft an ChatGPT, Gemini oder Claude, manche an Qwen, Ingenieure vielleicht an DeepSeek. Schüler recherchieren damit für Referate, Studenten lassen Texte zusammenfassen, Unternehmen automatisieren Teile ihrer Arbeit, Programmierer erzeugen Software in Minuten statt in Tagen.  KI ist innerhalb weniger Jahre vom Spezialgebiet der Informatik zu einer Alltagstechnologie geworden.

Weniger bekannt ist jedoch eine andere Entwicklung.

 

Dominierende US-Konzerne und der Dialog der UN-Staaten zur Gestaltung der KI

Große Technologieunternehmen - die meisten aus den USA - machen ihre KI-Modelle immer leistungsfähiger.  Staaten investieren Milliarden in Rechenzentren. Jetzt beginnt auf internationaler Ebene ein Prozess, der langfristig mindestens ebenso bedeutsam werden könnte:

 

Im Juli 2026 trafen sich die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen UN erstmals zu einem Global Dialogue on Artificial Intelligence Governance in Genf. Ein unabhängiges wissenschaftliches Expertengremium der UN legte seinen ersten umfassenden Bericht zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz vor, zeitgleich, als wissenschaftliche Beratung.

 

Historisch könnte sich dieses Treffen als Beginn einer neuen Phase der Weltpolitik erweisen. Das Ergebnis ist offen. Die Machtverhältnisse, die Möglichkeiten beim Zugang zu selbstbestimmter KI-Nutzung sind sehr ungleich verteilt. Aber immerhin:

Zum ersten Mal versuchen fast alle Staaten der Welt, gemeinsam darüber zu beraten, wie eine Technologie gestaltet werden kann, die Wirtschaft, Bildung, Arbeit, Wissenschaft, Verwaltung, das Militär und das Alltags-Leben der Menschen grundlegend verändert.

 

Dynamik und Geschwindigkeit der Verbreitung von KI als Basistechnologie

Der UN-Bericht über KI macht deutlich, warum die Vereinten Nationen (endlich)  aktiv geworden sind.

KI Künstliche Intelligenz ist keine einzelne Maschine und kein einzelnes Software-Programm. Sie ist bzw. entwickelt sich zu einer universellen Basistechnologie.

 

Ähnlich wie Elektrizität oder das Internet wird sie künftig nahezu alle Wirtschaftsbereiche und sogar Lebensbereiche prägen.

Ob Medizin, Landwirtschaft, Logistik, Industrieproduktion,  aber auch Bildung und Forschung oder öffentliche Verwaltung und - auch als Beginn der Automatisierung des Tötens,  beim Militär – überall entstehen neue Anwendungen. Nicht nur das: 

 

Noch nie zuvor in der Geschichte verbreitete sich eine Basistechnologie mit einer solchen Geschwindigkeit.

 

Das Internet z.B. benötigte Jahrzehnte, um Milliarden Menschen zu erreichen. Im Vergleich: Generative KI-Systeme verbreiteten sich innerhalb weniger Monate weltweit. ChatGPT zum Beispiel erreichte bereits nach kurzer Zeit, nach ca 2 Monaten,  über 100 Millionen Nutzer. Diese Dynamik, diese rasende Geschwindigkeit machen politische und gesellschaftliche Anpassungen und vor allem wirksame Gestaltung von KI so schwierig.

 


Politisches Handeln unter Bedingungen der Unsicherheit und asymmetrischer Macht

 

Der wissenschaftliche UN-Bericht vermittelt nicht den Eindruck, die Wissenschaft habe bereits Antworten auf die wesentlichen  Fragen. Mehrfach weisen die Autoren darauf hin, dass sich die Leistungsfähigkeit heutiger  KI schneller entwickelt als unsere Möglichkeiten, sie wissenschaftlich zu bewerten.

Viele Risiken lassen sich heute noch nicht zuverlässig einschätzen,  schon gar nicht solide messen.  Viele Chancen ebenfalls nicht.

 

Politik muss Entscheidungen treffen, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse  unvollständig sind. Dieses Spannungsverhältnis zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Bericht. Gerade deshalb entstand dieses unabhängige wissenschaftliche Panel der Vereinten Nationen. Es soll  eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage schaffen, auf die sich  Mitgliedstaaten stützen können.

Das ist eine typische Arbeitsweise der UN Vereinten Nationen. Dass sehr große Macht-Ungleichgewichte der verschiedenen Länder und deren Voraussetzungen für eine souveräne KI-Gestaltung nicht direkt benannt werden, sondern "nur" Tatsachen beschreibend, ist auch typisch für UN-Vorgehensweise.  Zielsetzungen werden klar benannt.

  

Überbrückung der KI-Kluft

Die Überbrückung der globalen KI-Kluft („Bridging AI Divides“) war Schwerpunkt der Tagesordnung des ersten Global Dialogue on Artificial Intelligence Governance der UN.

Ziele dabei

  •  Sicherstellung, dass KI-Governance die Prioritäten aller Nationen widerspiegelt und nicht nur die der technologisch führenden Staaten
  • Fokus auf Inklusion
  • Kapazitätsaufbau (Zugang zu Talenten, Daten und Rechenleistung) 

Es waren Vertreter aller 193 UN-Mitgliedsstaaten anwesend, auch Vertreter von führenden KI-Unternehmen und weiterer Organisationen.

Das „Independent International Scientific Panel on AI“ (u.a. mit den Co-Vorsitzenden Yoshua Bengio und Maria Ressa) präsentierte seinen ersten vorläufigen Bericht, der als wissenschaftliche Basis für die Governance dienen soll.  

Daten zur weltweiten KI

Rechenleistung

75 % der weltweiten KI-Supercomputer-Kapazität (Top 500) stehen in den USA, 15 % in China und nur 10 % im Rest der Welt 

Modellentwicklung

2025 produzierten Unternehmen bzw Institutionen aus den USA 59 relevante KI-Modelle, China 35 und der Rest der Welt lediglich 13. 

Privatwirtschaftliche Dominanz

91 % der relevanten KI-Modelle wurden 2025 vom privaten Sektor entwickelt, was staatliche Regulierung erschwert.

Marktkonzentration

In kritischen Lieferketten (z. B. EUV-Lithografie durch ASML in Europa, Chipproduktion durch TSMC in Ostasien, Chipdesign durch NVIDIA in den USA) halten einzelne Anbieter über 80 % des globalen Marktanteils.

Infrastruktur und  KI - Ungleichheit

In Afrika leben 18 % der Weltbevölkerung. Afrika hat aber weniger als 1 % der globalen Rechenzentren-Kapazität.

  

Co-Chair Mario Ressa und Yoshua Bengio. Foto/Screenshot: United Nations / UN Genf
Co-Chair Mario Ressa und Yoshua Bengio. Foto/Screenshot: United Nations / UN Genf

Wer KI kontrolliert, kontrolliert einen wichtigen Teil zukünftiger Weltwirtschaft

 

 KI entsteht nicht im luftleeren Raum.

  •  Sie benötigt enorme Mengen elektrischer Energie. 
  •  Sie benötigt Halbleiter.  
  • Sie benötigt Hochleistungsrechenzentren. 
  • Sie benötigt Daten.  
  • Sie benötigt hochqualifizierte Fachkräfte.

Der UN-Bericht zeigt sehr deutlich, dass diese Voraussetzungen heute nur in sehr wenigen Ländern konzentriert sind.   

Der größte Teil der weltweit verfügbaren Hochleistungsrechenkapazitäten befindet sich in den USA.

China hat in den vergangenen Jahren erheblich aufgeholt.

Fast alle anderen Staaten verfügen nur über geringe eigene Kapazitäten (darunter auch EU und Deutschland) oder fast keine  eigenen Kapazitäten und Chancen, diese aufzubauen wie zum Beispiel die afrikanischen Länder.

 

Das bedeutet:  KI ist und wird noch mehr in der Zukunft zu einer Frage wirtschaftlicher und politischer Souveränität.

 

Hier beginnt eine Diskussion, die über den wissenschaftlichen  UN-Bericht über KI hinausgeht. Künstliche Intelligenz ist längst Bestandteil geopolitischer Strategien.

 

 

USA verfolgen einen weitgehend marktwirtschaftlichen Ansatz und die Strategie der weltweiten KI-Dominanz durch USA, wobei Militär, Geheimdienste und weitere staatliche Förderung eine wichtige Rolle spielten sowohl früher bei der Entstehung der US- IT-Konzerne und wie heute die Verbindung mit mehreren KI-Konzernen. Private US-Unternehmen wie OpenAI, Google, Microsoft , Palantir oder Anthropic treiben heute die Entwicklung von KI voran.

 

China setzt auf eine enge Verzahnung von staatlicher Planung und Industriepolitik, schafft Rahmenbedingungen für ihre privaten Unternehmen zur KI-Innovation. Ja,  in China sollen die "Privaten" die KI-Innovation vorantreiben. Die Redeweise von "alles staatlich" in manchen westlichen Medien belegt nur Unkenntnis über China und Voreingenommenheit.

  

Die EU konzentriert sich bisher auf Regulierung und  Datenschutz. Trotz ausgezeichneter Forschungseinrichtungen (nicht nur in Deutschland) und hoher Wirtschaftskraft hat die EU weder die Infrastruktur für KI (ausreichende souveräne Rechenzentren, Cloud), noch relevante KI-Modelle und auch keine eigenen unabhängigen Prüfinstitutionen, also keine Evaluationierungschance bezogen auf die US-KI-Konzerne.

 

Russland strebt technologische Souveränität als Voraussetzung zivilisatorischer Souveränität an, nationale Rechenkapazitäten und den Aufbau eigener KI-Modelle.  

 


Globale Fragmentierung und Prägung der globalen KI-Governance durch US-Konzerne

  

Der UN-Bericht über KI benennt die faktischen Modelle der KI-Governance nicht als z.B. USA-Modell oder Chinesisches Modell oder EU-Stategie. Aber er beschreibt sie empirisch, klar erkennbar. Er beschreibt die Fragmentierung. Diese unterschiedlichen Ansätze führen zu „fundamentally contradictory rules and compliance costs“ (fundamental widersprüchlichen Regeln).

 

Die aktuellen KI-Governance-Instrumente sind global gesehen unzureichend und „concentrated at the corporate level“ (auf Unternehmensebene konzentriert). Faktisch bedeutet das, dass die dominierenden US-Konzerne die globale KI-Governance diktieren. Denn es fehlt fast allen Ländern der Welt nicht nur die technologische Souveränität für eigenständige KI, es fehlen weltweit auch die unabhängigen staatlichen Prüfinstanzen, die es zum Beispiel in risikoreichen Branchen wie in der Pharmazie oder Luftfahrt aus gutem Grund gibt und geben muss.

 

Deutschland oder die EU, um die eigene Welt-Region zu benennen. haben keine eigene Evaluierungsmacht gegenüber den US-Konzernen, deren KI-Produkte sie nutzen und die weitreichend unsere Wirtschaft, Gesellschaft, auch Identität beeinflussen (werden).

 

Neu ist: Erstmals entsteht innerhalb der Vereinten Nationen ein institutioneller Rahmen, in dem alle Staaten gemeinsam über die Zukunft der künstlichen Intelligenz beraten. Damit beginnt ein Prozess, der viele Jahre dauern wird.  

 

Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten auf den Juli 2026 ähnlich zurückblicken
wie auf die ersten Klimakonferenzen
oder die Anfänge internationaler Regeln zur Nutzung der Kernenergie.

 

Die zweite Sitzung des Global Dialogue findet 2027 USA, in New York statt. 

Das Independent International Scientific Panel on AI wird als dauerhafte wissenschaftliche Basis
(ähnlich dem IPCC für das Klima) weiter regelmäßige Berichte vorlegen. 

 


Seit 40 Jahren eigene Erfahrungen mit KI ....

Zum Kontext und ein wenig eigene Transparenz der Autorin:

 

Helga Karl befasst sich - mit längeren zeitlichen Unterbrechungen - seit ca 1980 mit dem Thema KI. Begonnen hat es bei gemeinsamer Forschung mit Christof Ohm. Wir untersuchten die technologischen Spitzen-Automatisierungen verschiedener Branchen im Zusammenhang mit den Veränderungen für die Arbeit. KI als Weiterentwicklung der Informatik - so kamen wir zum Thema KI in einer Zeit, in der öffentlich das kaum jemand interessierte. Unsere erste gemeinsame Veröffentlichung zu KI  (Helga Karl und Christof Ohm) war ein Aufsatz über KI in der gewerkschaftsnahen Zeitschrift "Die MItbestimmung", ungewöhnlich, denn es gab in den Gewerkschaften keinerlei Diskussion dazu. Das war ca 1981/1982.

 

Mit Beginn ihrer Arbeit 1988 im Fraunhoferinstitut FhG-IPK (zuerst in der Software-Entwicklung für ein Industrieprojekt) entdeckte Helga Karl schnell, dass es in der hauseigenen Bibliothek des PTZ (Produktionstechnisches Zentrum aus FhG-IPK und TU-IWF Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb) eine  Riesen-Regalwand gab nur mit Abschlussberichten geförderter F&E-Projekte zur KI, Programme auf EU-Ebene und in der BRD (ohne DDR). Wahrscheinlich die vollständigste Sammlung. Wann immer sie sich Zeit dafür nehmen konnte, sichtete und las sie in den vielen Abschlussberichten.

Sie wurde immer zorniger - über diese F&E-KI-Programme mit Steuergeldern, eine Blase. Überall als Förderkriterium "Nutzen für KMU" und erzwungende Potemkinsche Dörfer als "erreicht". Sie ließ sich durch Kollegen auch hauseigene "KI-Projekte" zeigen, erklären, vorführen.

 

Es gab damals ca im Jahr  2000 sogar eine Vorlesung für TU-Studenten zum Thema KI, für Ingenieur-Studenten der TU im Hauptstudium. Kein Pflichtfach, entsprechend gering war das studentische Interesse. Dozent war Dieter Specht, Leiter einer Abteilung im Fraunhofer-Institut. Sie nahm sich die Zeit, saß bei jeder Vorlesung aufmerksam in der 2ten Sitzreihe. Der Kollege Specht stellte Konzepte für KI und Ergebnisse vor. Die Standardfrage von Helga Karl: Konzept, Prototyp oder erster Praxistest. Es gab bestenfalls universitäre Prototypen. Dann kam der Streik der Studenten in West-Berlin. Die Studenten wurden noch weniger. Kollege Specht fragte Kollegin Karl: "Kommen Sie weiterhin? Ich möchte die Vorlesung komplett einmal erproben." Ja, sagte sie. Bis zum Ende der Vorlesung in diesem Semester stellte er im "großen Hörsaal" vor der einzigen, aber dafür aufmerksamen-konzentriert Zuhörenden  Helga Karl KI-Konzepte, KI-Projekte usw.vor.

Als Übersicht effizient und effektiv.

 

In diesem "großen Hörsaal" des PTZ fanden regelmäßig Vorträge statt, zB vom VDI, organisiert von Prof. Krause, im Fraunhoferinstitut Leiter des Bereiches Konstruktion /Konstruktionsinformatik. Die Referenten meist aus dem obersten Mangement großer Mittelständler und Konzerne. Die Standardfrage von Helga Karl, etwa an den Leiter der Entwicklung von VW: Gibt es KI? Konzept? Prototyp? In Erprobung? KI-Einsatz geplant? - Damals gab es noch keine Erprobungen. Die Antworten waren bereitwillig und offen, auch Gespräche nach dem Vortrag dazu.

 

Danach kam es zur längeren zeitlichen Lücke bei der Befassung mit dem Thema KI, bei Helga Karl.

Das "alte Interesse" hat geschlummert. KI ist heute real, hochdynamisch und bietet zumindest für Forschung, für Recherchen nie gekannte Möglichkeiten. Die  inhaltlichen Schwerpunkte heute zu KI sind bei Helga Karl "KI und Produktion" (dazu benötigt man u.a. Informationszugriff auf chinesische Quellen), "Politische Ökonomie der KI" und "KI und Souveränität". 

Helga Karl, Berlin 11. Juli 2026

Quelle

Zahlen oder Zitate in diesem Beitrag beziehen sich auf den UN-Bericht über KI, der als pdf öffentlich zugänglich ist. Kostenlos.

 

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