Verbrechen der Perestrojka - zur Rolle von Jeffry Sachs

Von Helga Karl

Was verharmlosend Perestrojka (Umgestaltung) genannt wird, wurde - als ethische Kategorie verwendet - ein Verbrechen. Die politische Führung unter Gorbatschow, vor allem Jelzin, waren als Entscheider für diese große Soziale Katastrophe letztendlich verantwortlich. Allerdings: Als Architekt der realisierten brutalen "Schockstrategie" galten US-Berater,  Jeffry Sachs, einflussreicher Berater von Gorbatschow und Jelzin. Die zerstörendsten "Schockmassnahmen" wurdern unter Jelzin getroffen: Folgen: Massenverelendung, Zusammenbruch der Wirtschaft, Ausplünderung Russlands, Massensterben, explodierende Kriminalität  und Arbeitslosigkeit sowie die Entstehung des Oligarchensystems. Der für sein heutiges Engagement für Frieden und Diplomatie (auch von mir H.K.) geachtete Jeffry Sachs hat sein eigenes Handeln und die verheerenden Folgen weder aufgearbeitet noch Verantwortung dafür übernommen. Nicht wirklich. 


Die "Schockstrategie" von Jeffry Sachs: Massenverelendung, Zusammenbruch der Wirtschaft, hohe Übersterblichkeit, Ausplünderung Russlands und Entstehung Oligarchensystem

Evangelische Akademie Loccum, 4. September 1993. Gast und Referenten der Tagung "Aufschwung Ost" waren auch die Autorin Helga Karl und ein gut deutsch sprechender Russe, leitender Mitarbeiter einer Moskauer Behörde, die für den Schienenverkehr in Russland zuständig war. Er sprach sie nach ihrem Referat sofort an, denn sie hatte erkennbar sehr konkrete Kenntnisse über den harten Transformationsprozess der DDR-Unternehmen. - Sie fuhren in ihrem Auto gemeinsam zurück nach Berlin, zum Flughafen.

Bei der mehrstündigen Autofahrt fragten sie, berichteten eigene Erfahrungen. Sachlich, offen, bemüht, dem jeweils anderen sich gut verständlich zu machen, um ihm nützlich sein zu können mit dem eigenen Erfahrungswissen. Dazwischen viel Schweigen. Begreifen, Erkenntnisse sind manchmal ein körperlicher Vorgang, das Verarbeiten.

 

Die Schienenfahrzeuge für die Sowjetunion wurden - so die RGW-Arbeitsteilung - großteils im Kombinat in Berlin (DDR) entwickelt und gebaut. Sie wusste das. Jetzt musste Russland deren Fahrzeuge mit Devisen kaufen. Ein Zug müsste 150 Jahre in Betrieb sein, um das zu bezahlen, gerechnet ohne Wartung, Reparatur, Ersatzteile - unmöglich. Über die Lage in den Betrieben in Russland wusste er teilweise Bescheid. Ein Kernproblem, die oft zerstörten Lieferbeziehungen (Wertschöpfungsketten) wieder zu sichern, damit die Betriebe überhaupt produzieren können. Wenige Informationen reichten ihr zum Begreifen. Arbeiter bekamen oft lange Zeit kein Geld. Es gab keinen Staat (mehr), der wie in Deutschland für Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit Geld zahlt. - Angesichts der sehr schlimmen Lage für die Menschen, für die einfachen Leute in Russland, war die Hoffnung von Helga Karl, unausgesprochen, dass Russland, deren Führungskräfte geprägt waren durch die sowjetischen Werte, die kommunistischen, um den Erhalt jedes Betriebes und Arbeitsplatzes kämpfen würden. Anders als in Deutschland.


Helga Karl hatte früh die These, der zum Schaden der Unternehmen (der DDR)  politische Druck auf Schnelligkeit bei der Privatisierung habe den verschwiegenen Grund, die westdeutschen BRD-Politiker wollten verhindern, dass grosse Unternehmensgruppen(temporär) im staatlichen Besitz entstehen. 

Im Rückblick: Sie wusste 1993 bezogen auf Russland nichts vom Einfluss konkreter US-Berater wie Sachs auf Gorbatschow, von deren "Schockstrategie" für Russland. Hatten Berater  von Gorbatschow das umschwiegene Ziel, für die Zukunft staatliche russische Unternehmensgruppen zu verhindern, vor allem russische Souveräntität über die eigenen Schlüsselindustrien ??

 

Die Schockstrategie von Sachs und seine Mitverantwortung für eine soziale Katastrophe

Jeffrey Sachs gehörte Anfang der 1990er Jahre zu den einflussreichsten westlichen Beratern  der russischen "Wirtschaftsreformen", von Gorbatschow und Jelzin. Er war zentraler Befürworter, galt als  "Architekt" der sogenannten Schocktherapie.

 

Sachs setzte sich öffentlich und als enger Berater von Gorbatschow ein für eine

  • sofortige Preisliberalisierung,
  • eine schnelle  Privatisierung staatlicher Schlüsselindustrien sowie einen
  • weitgehenden Rückzug des Staates aus Wirtschaft
  • und Rückzug aus sozialer Sicherung.

Diese Empfehlungen wurden leider umgesetzt, in einem institutionellen Umfeld, das

  • weder über einen funktionierenden Rechtsstaat
  • noch über wirksame Steuer-,
  • Wettbewerbs- oder
  • Sozialsysteme verfügte.

Die Folgen dieser Politik –

  • sehr massiver wirtschaftlicher Einbruch,
  • Zusammenbruch der Wertschöpfungsketten,
  • massive Verarmung großer Teile der Bevölkerung,
    es war eine Verelendung für sehr viele,
  • massive Steigerung von Arbeitslosigkeit ohne jede soziale Absicherung (Statistiken zeigen das kaum),
  • kein (wirklicher) Schutz vor steigender  Kriminalität, 
  • Vernichtung der Ersparnisse der einfachen Leute,
  • Zerstörung von Renten sowie eine
  • historisch belegte massive Übersterblichkeit in den 1990er Jahren (also Massensterben)

– sind in der internationalen Forschung gut dokumentiert.

 

Zusätzlich: Auf die existentielle Gefährdung Russlands dadurch, daß z.B. die CIA "fast überall" Zugang hatte und die russische Rüstungsindustrie in beträchtlichem Maße zerschlagen worden ist, soll hier nicht eingegangen werden. Die Strategien von Sachs waren nicht auf die Beschädigung speziell dieses Bereiches gerichtet, er war diesbezüglich (CIA und Tiefer Staat) vermutlich naiv oder unwissend.

 

Auch wenn die letztendliche politische Entscheidungsverantwortung bei den russischen Akteuren lag, Gorbatschow und vor allen Jelzin,

 

trägt Sachs als prominenter Architekt und öffentlicher Verteidiger dieser Strategie eine fachliche und moralische Mitverantwortung für die klar vorhersehbaren sozialen Konsequenzen:

die Massenverelendung der Bevölkerung, Zusammenbruch der Wirtschaft, die Ausplünderung des Landes und die blitzschnelle Entstehung des Oligarchensystems -

 

das Land und die Bevölkerung war vor Kriminellen und vor alltäglicher Gewalt kaum mehr geschützt. Das war in der Sowjetunion anders. 

In der späten Sowjetunion gab es  keine absolute Armut mehr, durch die Perestrojka explodierte bitterste Armut.

 

Eine umfassende und selbstkritische Aufarbeitung dieser Rolle von Jeffry Sachs ist bislang nicht erfolgt, weder durch Sachs selber noch durch westliche Medien bzw. Öffentlichkeit.

 

Im Gegenteil -  russische Oligarchen wie Chodorkowski werden sogar hofiert, eine Täter-Opfer-Umkehr, in Deutschland, in der EU.

Verbrechen als ethische Kategorie

wird hier verwendet für diese politisch herbeigeführte soziale Katastrophe,
vorhersehbar als Ergebnis:

Verbrechen dieser "Perestrojka"


Einbruch der Lebenserwartung

In Russland kam es Anfang der 1990er Jahre zu einem historisch einmaligen Mortalitätsschock in Friedenszeiten. Die Lebenserwartung russischer Männer sank zwischen 1990 und 1994 um rund 6–7 Jahre. Die zusätzliche Übersterblichkeit wird je nach Berechnung auf 3 bis 7 Millionen vorzeitige Todesfälle beziffert (nur Russland). Bei Frauen war der Rückgang der Lebenserwartung in dieser kurzen Zeitspanne 3 Jahre.

Schockzerstörung der Wirtschaft

Das war keine Reform, keine Umgestaltung, sondern blitzschnelle Zerstörung, Schockzerstörung

  • 1992 (unter Jelzin) Aufhebung fast aller Preisbindungen,
    Hyperinflation (2000%), Folge war die Vernichtung der Ersparnisse der Bevölkerung
  • Radikale Voucher-Privatisierung,
    Russlands Schlüsselindustrien wurden zu Schleuderpreisen abgestossen.
  • Sofortige Entstehung der Oligarchenstruktur ohne Rechtstaatlichkeit, beteiligt Jelzin-Berater
  • Zerschlagung der staatlichen Koordination der Wirtschaftsbereiche > weiterer Zusammenbruch der Liefer- und Wertschöpfungsketten, fast überall dadurch Produktionsstillstand>  Rückgang der Industrieproduktion um 45%  (1990 - 1995)

Zerstörung staatlicher Handlungsfähigkeit / Sozialwesen

Die staatliche Handlungsfähigkeit  vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich wurde vernichtet.

  • Gezielte Austeritätspolitik
    Fehlende Mittel für Sozialstaat und Infrastruktur
  • Gesundheitswesen
    Monatelang keine Bezahlung von Ärzten, Krankenschwestern, Personal; Medikamentenmangel; Verfall Infrastruktur
  • Renten und Soziale Sicherung
    Monatelang keine Rentenzahlungen, durch Hyperinflation entwertet bei Bezahlung; explosionsartiger Anstieg extremer Altersarmut; Kranke und Alte mussten von Familien versorgt werden....
  • Anstieg Säuglings- und Kindersterblichkeit

Die Lage der Arbeiter, Beschäftigte

Die offizielle statistische Arbeitslosigkeit war niedrig, die Realität war grauenvoll für die Betroffenen:

  • Sehr hohe reale Arbeitslosigkeit
    Kurzarbeit ohne Lohn/ohne Ersatz, Zwangsurlaub, Betrieb zahlt nichts
  • Lohnrückstände und Lohnsenkung
    Lohnrückstände von 6-12 Monaten gab es oft, die Reallöhne sind um ca 50-60% im Zeitraum 1992 - 1994 gefallen.
  • Dies betraf große Teile der Industrie, des Bildungsbereichs und des Sozial- und Gesundheitsbereiches.
  • Bezahlt wurden die Löhne meist im Rohstoffsektor, exportierende Betriebe und staatliche Sicherheitsapparate

Eine gezielte, radikale schnelle Entstaatlichung durch den Staat, ohne ein institutionelles Fundament - diese vorhersehbare soziale Katastrophe ist ethisch ein Verbrechen

Das alles ist international gut erforscht. im Detail belegbar.

Diese Perestrojka unter Gorbatschow, dann Jelzin, beraten mit viel Einfluss durch Jeffry Sachs aus den USA, ist kein Transformationsprozess. Der Begriff Umgestaltung ist hier analytisch falsch. Es handelt sich um eine gezielte, bewusste radikale schnelle Ent-Staatlichung durch den Staat. Aber - wenn man schon eine solche Zerstörungsstrategie macht, - das geschah ohne ein institutionelles Fundament dafür, auch ohne ein Minimum an Rechtsstaatlichkeit.

Diese "Perestrojka" war im Ergebnis ein historisch beispielloser sozial-ökonomischer Zusammenbruch. 

 

Die verheerenden negativen Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung musste jedem vorher, von Beginn an klar gewesen sein !

 

Diese gezielte, geplante Politik kostete Millionen Menschenleben, auch im Sinne Millionen Jahre Lebenszeit von Menschen.
Die historisch beispiellose Übersterblichkeit war vorhersehbar, systemisch. Kein vernachlässigbarer "Nebeneffekt".

Auch die Vernichtung von Ersparnissen, Sozialer Sicherheit und Renten war systemisch, für eine Mehrheit der Bevölkerung.

 

Es war eine politisch herbeigeführte verheerende Soziale Katastrophe.

 

Es gibt in der russischen Bevölkerung, vor allem bei jenen, die diese schrecklichen Zeiten durchlebt haben, eine tiefe Abneigung gegen Gorbatschow, viel Verachtung. Als professionelle Soziologin (die ich auch bin und bleibe) sage ich:
Das ist sehr nachvollziehbar, sehr verständlich. Helga Karl

 

In den Worten von Jeffry Sachs selber:

Zitate aus „What I Did in Russia“ von Jeffrey Sachs

(The New Republic, April 1995)

 

Original (englisch), seine Selbstzuschreibung:

“I was deeply involved in the design of Russia’s economic reforms from late 1991 onward.” 

„Ich war seit Ende 1991 tief in die Ausgestaltung der russischen Wirtschaftsreformen eingebunden.“

 

Original (englisch), trotz der Folgen verteidigt er es weiter..

“The basic strategy was correct: rapid liberalization, stabilization, and privatization.”

„Die grundlegende Strategie war richtig: schnelle Liberalisierung, Stabilisierung und Privatisierung.“

 


Ergänzung und Präzisierung:

Ich habe am 3.2.2026 wenige Änderungen am Text vorgenommen, die reale politische Verantwortung von Jelzin verstärkend im Vergleich zu Gorbatschow.

Eine derzeitige Arbeitshypothese von mir ist (gestützt durch vorhandene Forschung):

 

Die Zerschlagung und Zerstörung der Kommunistischen Partei in Russland unter und durch Jelzin war eine der  Voraussetzungen,

 

um die brutale zerstörische "Schocktherapie" voll durchsetzen zu können.

 

Die blitzschnelle Ausplünderung Russlands durch eine sehr kleine Zahl von Personen, sie wurden so zu Oligarchen, war ein historisch beispielloser "Transfer" von Staatsvermögen in die privaten Taschen verbrecherischer (als ethischer Begriff) Oligarchen. Diese kleine Gruppe hatte engen Jelzin-Zugang, Chodorkowski war einer von ihnen.

 

 

Helga Karl, 3. Februar 2026

 

Literatur, Quellen (Auswahl)

 

Stuckler, David; King, Lawrence; McKee, Martin (2009):

Mass privatisation and the post-communist mortality crisis.

The Lancet, Vol. 373, No. 9661, S. 399–407.

Eine zentrale empirische Arbeit zur Übersterblichkeit; direkter Zusammenhang zwischen Privatisierungstempo und Mortalität.

 

Brainerd, Elizabeth (1998):

Economic reform and mortality in the former Soviet Union.

World Development, Vol. 26, No. 11, S. 2017–2031.
Eine frühe, methodisch gute Analyse des Mortalitätsschocks infolge der Reformpolitik.

 

Kotz, David M.; Weir, Fred (1997):

Revolution from Above: The Demise of the Soviet System.

Routledge, New York/London.

Strukturbruch, Privatisierung und institutionelles Versagen; mit einer  Zuordnung politischer und beratender Verantwortung.

 

Stiglitz, Joseph E. (2002):

Globalization and Its Discontents.

W. W. Norton, New York.

Eine fundamentale Kritik an Schocktherapie und IWF-/Beraterdoktrin; explizite Auseinandersetzung mit Russland.

 

Sachs, Jeffrey D. (1995):

What I Did in Russia.

The New Republic, April 1995.

Sachs’ eigene Darstellung und Rechtfertigung seiner Rolle.

 




Zum Kontext: Die Autorin Helga Karl arbeitete 1988 bis Ende 1999 in dem industrienahen Technik-Doppelinstitut PTZ Produktionstechnisches Zentrum Berlin, abwechselnd im FhG-IPK Fraunhofergesellschaft Institut für Produktions- und Konstruktionstechnik sowie TU-IWF Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb an der TU Berlin. 1991 und 1992 untersuchte und begutachtete Helga Karl im Auftrag des Berliner Wirtschaftssenats den Umstrukturierungsprozess der ostberliner Betriebe. Hier waren die meisten Kombinatszentralen der DDR mit Konstruktion und auch großen Produktionsanlagen angesiedelt. Im engen Kontakt mit ostberliner Unternehmen engagierte sie sich danach lange Zeit unbezahlt weiter zum Erhalt der Betriebe, mit einem eigenen Kontaktnetz zu Einrichtungen mit Bezug Osteuropa und zur THA Treuhandanstalt. In der THA NL Berlin war sie u.a. als Beobachterin bei internen "Bankengesprächen" eingeladen und anwesend.


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