
Von Helga Karl
Vor 2014 war Russland einer der vielversprechendsten Agrarmärkte Europas. Deutsche Handelsketten wie Rewe und Metro investierten massiv, auch Molkereien und Lebensmittel-Produzenten. - Heute zur Grünen Woche 2026 ist der russische Lebensmittel-Einzelhandel vollständig in russischer Hand. Die Sanktionen der EU gegen Russland wurden zum strategischen Selbstschaden für die deutsche Ernährungswirtschaft.

Vom strategischen Partner zum verlorenen Markt: Russland
Aufbruch: Deutschland entdeckt Russland als Agrarmarkt
Noch Anfang der 2000er Jahre war Russland für viele westeuropäische Unternehmen ein Randmarkt. Doch nach Beginn der wirtschaftlichen Erholung vom Niedergang und der Ausplünderung Russlands unter Gorbatschow und Jelzin nach der Jahrtausendwende änderte sich das rasch.
Das deutsche Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) betonte in seinen Außenwirtschaftsberichten bis 2013 regelmäßig:
„Russland bietet eines der größten Wachstumspotenziale weltweit
für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft.“
Auf Messen wie der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin oder der Anuga in Köln wurden Russland-Seminare zum Pflichtprogramm für viele. Fachtagungen versprachen „Marktzugang“, „Premium-Nachfrage“ und „langfristige Partnerschaften“. Der Agrar- und Lebensmittelexport Deutschlands nach Russland stieg zwischen 2000 und 2013 von unter einer Milliarde auf über 4 Milliarden Euro jährlich –
mit Schweinefleisch, Käse, Bier und Backwaren als Schlüsselprodukten (Quelle: Destatis).
Direktinvestitionen: Rewe, Metro – und der französische Riese Auchan
Doch nicht nur Exporteure profitierten. Große Handelskonzerne erkannten die Chance, direkt vor Ort Fuß zu fassen. Der deutsche Einzelhandel setzte früh auf Russland – allen voran Rewe Group. 2007 gründete das Unternehmen die Tochter Billa Russia, baute innerhalb weniger Jahre über 150 Filialen in Moskau und Umgebung auf und wurde zum Synonym für westeuropäischen Supermarktstandard. Ähnlich agierte Metro Cash & Carry, das seit 1998 mit Großmärkten in Dutzenden russischen Städten vertreten war.
Mindestens so bedeutend: der französische Konzern Auchan. Mit Hunderten Standorten war Auchan bis 2022 der größte westliche Lebensmittelhändler in Russland. Auchan verfolgte denselben strategischen Ansatz: langfristige Marktbearbeitung, lokale Lieferbeziehungen, Investition in Logistik und Personal.
Parallel dazu bauten große deutsche Molkereien wie DMK (Deutsches Milchkontor) eigene Produktionsstätten oder planten diese – etwa in Kaliningrad (Hochland) oder Tatarstan –, um Zölle zu umgehen und näher am Verbraucher zu sein. Die Strategie schien aufzugehen:
Russland wurde zum wichtigsten osteuropäischen Absatzmarkt für deutsche Milchprodukte.
2014: EU-Sanktionen, russische Gegen-Sanktionen und der Exodus aus Russland
Für den deutschen Einzelhandel in Russland war das ein Schock. Rewe, Metro und auch Auchan konnten ihre Regale nicht mehr mit westlichen Marken bestücken. Doch zunächst hoffte man auf eine politische Entspannung. Stattdessen kam 2022 der endgültige Bruch. Nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts zogen sich fast alle westlichen Konzerne aus Russland zurück – fast nie aus freien Stücken, sondern unter massivem politischen und finanziellen Druck aus dem Westen.
- Rewe verkaufte Billa Russia 2022 für einen symbolischen Rubel an die russische LSR Group.
- Metro trennte sich von seinem Cash-&-Carry-Geschäft – übernommen von einem staatlich unterstützten Konsortium.
- Auchan folgte 2023 mit dem gleichen Modell: Verkauf für 1 Rubel an einen lokalen Investor unter Aufsicht des Russian Direct Investment Fund (RDIF).
2026: 100% Russischer Einzelhandel und „Sdelano v Rossii“ - das bleibt
X5 Retail Group (Pyaterochka, Perekrestok), Magnit, Lenta und der Premiumanbieter VKUSVILL. Alle sind russisch kontrolliert – teils privat, teils mit staatlicher Beteiligung (etwa über die staatliche VTB-Bank oder den RDIF).
Gleichzeitig fördert der Staat gezielt heimische Produktion. Über informelle Vereinbarungen mit regionalen Behörden wird sichergestellt, dass russische Produkte dominieren – nicht durch Gesetz, aber durch politischen Konsens. Wer liefern will, sollte „Sdelano v Rossii“ (Hergestellt in Russland) auf der Verpackung tragen.
Das Ministerium für Industrie und Handel (Minpromtorg) und Rosstat haben seit 2022 das Label „Sdelano v Rossii“ (Hergestellt in Russland) eingeführt.
Zusätzlich schließen Regionale Behörden (z. B. Moskau, Tatarstan) mit Handelsketten freiwillige Vereinbarungen, die Mindestanteile lokaler/russischer Produkte in Sortimenten vorsehen – oft sind das 60–80 %. Auch Öffentliche Ausschreibungen für Lebensmittel (z. B. für Schulverpflegung) verlangen immer mehr explizit russische Herkunft.
Es gibt keine gesetzliche Quote, aber de facto-Marktzugangsbedingungen durch informellen staatlichen Druck und regionale Abkommen. „Sdelano v Rossii“wirkt, gestützt durch den Staat und durch die Verbraucher.
„Doktrina Produktovoy Bezopasnosti“ (Food Security
Doctrine), aktualisiert 2020, ist die
russische Festlegung der
Selbstversorgungsziele SVZ. Erreichte Selbstversorgung:
2000 2024
- Milch 75-80 % Ca. 90 %
-
Fleisch 65-70 %
ca 95 % , Schweinefleisch fast
autark, Geflügel Nettoexporteur -
Getreide: ca 95%
> 100 %, bei Weizen Export-
Weltmarktführer
Oligopole im russischen Lebensmittel-Einzelhandel: Marktmacht und ihre Grenzen
Die hohe Marktmacht des Lebensmittel-Einzelhandels gegenüber den Produzenten, vor allem kleineren bäuerlichen Betrieben - dieses Problem gibt es in Russland ebenso wie in Deutschland. Es kann hier nicht vertieft, aber auf einige russischen Besonderheiten verwiesen werden:
In Russland reguliert die Antimonopolbehörde Federal Antimonopoly Service (FAS) gesetzlich den Handel – etwa durch das
- Verbot von Zahlungen, die von Lieferanten für einen Regalplatz im Einzelhandel gefordert werden,
- die Preisüberwachung bei "sozial wichtigen Gütern"
- und Untersuchung von Missbrauch marktbeherrschender Stellung (Art. 10 Gesetz „Über Schutz des Wettbewerbs“)
In der Praxis bleibt die Marktmacht der großen Ketten jedoch enorm – besonders gegenüber kleineren Produzenten. Auch in Russland, wie in Deutschland.
Aber, anders als in Deutschland, der russische Staat (FAS) behält die Preise für Grundnahrungsmittel (Sozial wichtige Güter) im Blick:
Milch, Brot, Zucker – und besonders Eier.
„Wenn das Volk sagt: ‚Die Eier sind zu teuer‘ – dann ist das kein triviales Problem. Das ist eine Frage der sozialen Stabilität.“
In Russland wird Ernährungssicherheit nicht allein dem Markt überlassen. Der Staat greift ein – sei es durch Preisüberwachung, Subventionen oder temporäre Importfreigaben aus „freundlichen“ Ländern wie der Türkei, Serbien, BRICS-Partner.
Präsident Putin ist bekannt dafür, dass er schnell und konsequent handelt, wenn Zuständige nicht rechtzeitig reagiert haben und zum Beispiel die Eierpreise in diesem Jahr (das kam auch früher schon vor) so gestiegen sind, dass die Bürger, das einfache Volk, sich beim Präsidenten beschweren.
(Helga Karl hat seit 2015 alle "Direct-Line" Jahrespresse-
konferenzen als Livestream mit Simultan-Übersetzung verfolgt).
Quellen (Auswahl)
Statistisches Bundesamt (Destatis)
Außenhandelsdaten „Deutschland – Russland“
Eurostat (Statistisches Amt der EU)
„Verbot der Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus Ländern, die Sanktionen verhängt haben.“
(Dekret Nr. 560 des Präsidenten der Russischen Föderation, 6. August 2014)
Gültig für EU, USA, Kanada, Norwegen, Australien,
betrifft: Fleisch, Milch, Käse, Obst, Gemüse, Fisch
Strategischer Selbstschaden: ein Bumerang names Sanktion
Russland reagierte auf den Tsunami westlicher Sanktionen nicht defensiv, sondern industriepolitisch: Importsubstitution als Industriepolitik
In der russischen Ernährungswirtschaft wurden innerhalb weniger Jahre:
-
Eigene Produktionskapazitäten über die gesamte Wertschöpfungskette massiv ausgebaut,
-
die Verarbeitungstiefe erhöht (v.a. Käse, Milchprodukte, Fleischwaren).
-
Mit Erfolg wurden nationale Marken etabliert und von den Verbrauchern akzeptiert.
-
Ausbildung von Personal, Zucht von Tieren und Technologie wurden beschleunigt entwickelt
Was früher (auch) mit deutscher oder europäischer Beteiligung entstand, wird heute in Russland in der Landwirtschafts- und Ernährungsbranche überwiegend eigenständig produziert. Nicht perfekt, nicht in allen Segmenten gleichwertig – aber konkurrenzfähig und sogar zunehmend exportfähig.
Was durch deutschen Lebensmittel-Einzelhandel und deutsche Produzenten in Russland als strategische Markterschließung begann, endete für diese als Opfer eigener EU-Außenpolitik.
Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK Russland)
Publikationen, Mitgliederverzeichnis, Branchenberichte
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) - „Marktchancen Russland“ (vor 2014), Exportförderung
FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations)
Länderprofile, Daten zu Produktion/Import/Verbrauch
Rosstat (Federal State Statistics Service, Russland)
„Selskoe khozyaystvo v Rossii“ (Landwirtschaft in Russland)
Die Autorin Helga Karl war langjährig als Pressevertreterin bei der Grünen Woche IGW akkreditiert, sowohl als unabhängige Journalistin wie als "Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" einer Fleischmarke mit (damals) Vorreiterfunktion bei der Tierhaltung und v.a. "Gläserne Kette" über die Wertschöpfungsstufen Bauern bis Verbraucher. In dieser Funktion arbeitete Helga Karl als Mitbetreuerin des Standes in der Tierhalle an allen Öffnungstagen der IGW von der täglichen Öffnung bis zur Schließung einschließlich Teilnahme an Veranstaltungen und Branchen-Empfängen für geladene Gäste. - Helga Karl hat "Landwirtschaft" als Jugendliche gelernt, auf dem elterlichen Kleinbauernhof in Bayern und seither die Entwicklung der deutschen und zunehmend der internationalen Landwirtschaft verfolgt.
© Helga Karl: https://www.knberlin.de/wie-der-deutsche-lebensmitteleinzelhandel-russland-verlor-bumerang-durch-eu-politik/
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